Quack! Das Enten-Gambit
Wenn man überhaupt gar nichts verstanden hat, dann hat man immer noch einen Ausweg: Man behauptet einfach, die anderen hätten überhaupt gar nichts verstanden.
Das funktioniert ungefähr so:
„Wie schreibt man die n-te Wurzel von 2?“
„Wow, der Lehrer ist ja richtig doof. Eine Ente hat doch gar keine Wurzel!“
Man könnte es das „Enten-Gambit“ nennen. Es ist eine Sonderform des Strohmann-Arguments. Man kümmert sich nicht um das, was eigentlich gesagt wurde, sondern pariert einen Gedanken, den kein vernünftiger Mensch jemals hatte. Und genau dadurch unterstellt man dem Gegenüber, kein vernünftiger Mensch zu sein. Es ist einer der destruktivsten und verachtenswertesten Schachzüge in der Diskussionsführung.
Ich stoße darauf in letzter Zeit immer wieder. Etwa hier: Ein Journalist von NIUS, einem Onlinemagazin mit wahrlich atemberaubender Qualität, hat die Welt auf der ebenso qualitätsvollen Plattform X mit seinen Gedanken über Sommertemperaturen gesegnet. Es ging dabei um die drohende Wasserknappheit in München, ausgelöst durch die langanhaltende Trockenheit und überdurchschnittlichen Wasserverbrauch im Sommer. Der grüne Münchner Bürgermeister beschloss Einschränkungen beim Bewässern von Grünanlagen, beim Füllen von Pools oder beim Autowaschen. Ja, so macht man das, wenn das Wasser knapp wird. So weit, so gewöhnlich.
Aber der Journalist, dessen Namen ich hier gar nicht weiter zu Ruhm verhelfen möchte, erkennt messerscharf: Die Wasserknappheit gibt es vermutlich gar nicht, denn dass es im Sommer heißer ist als im Jahresdurchschnitt, ist doch klar. Es ist schließlich Sommer!
Bitte was?
Die Reaktionen darauf sind erwartbar: Hahaha, typisch Grüne! Von Logik keine Ahnung! Wie blöd kann man sein! Die Fangemeinde des NIUS-Journalisten geifert sich die Seele aus dem Leib, und genau das war ja auch der Zweck.
Was soll man da noch sagen? Es ist, als käme man nach hartem Training zum Tennismatch, aber der Gegner isst einfach den Tennisball auf, erklärt sich zum Sieger und lacht alle aus, die keine Bälle essen. Es ist, als käme man gut vorbereitet mit seiner Violine zum Konzert, aber der andere jagt einfach auf der Bühne mit Plastiksprengstoff seinen Kontrabass in die Luft und jubelt, dass sein Instrument das lauteste war. Es ist einfach ein völlig ungeniertes Umdeuten der Ausgangslage.
Nein, um Sommertemperaturen ging es gar nicht, zumindest nicht direkt. Es ging um Trockenheit. Dass die Flüsse in großen Teilen Europas niedrige Pegelstände haben, ist Tatsache. Dass in München das Wasser knapp wird, bestätigen die Stadtwerke München. Dass die Temperaturen in diesem Juni – auch wenn es darum (wie gesagt) gar nicht ging – außergewöhnlich hoch sind, ist nebenbei bemerkt auch eine Tatsache. Und nein, dabei reden wir von Temperaturen, die deutlich höher sind als der langjährige Durchschnitt zur selben Jahreszeit, nicht von Temperaturen, die höher sind als der Jahresdurchschnitt.
Wie zum Teufel kommt man auf die Idee, jemand habe Sommertemperaturen mit Jahresdurchschnittstemperaturen verglichen? Man weiß es nicht. Nicht einmal im NIUS-Artikel, in dem der grüne Münchner Bürgermeister attackiert wird, steht diese Behauptung. Diese Perle des deutschen Journalismus trägt den hochsensiblen Titel „Wasser-Wahnsinn in München: Die faulen Zahlen-Tricks des grünen Bürgermeisters“. Dort ist völlig korrekt die Rede von Wassermengen deutlich unterhalb des langjährigen Juni-Mittels. Hat dieser Titan des europäischen Pressewesens nicht mal den Artikel des eigenen Mediums richtig gelesen?
Nun kann man noch fragen, worin denn die „Zahlen-Tricks des grünen Bürgermeisters“ bestanden. Das hätte mich interessiert, Zahlen-Tricks kann man immer mal brauchen. Dazu sagt der Artikel aber wenig. Er liefert nur die bahnbrechende Erkenntnis, dass ein Rückgang der Wassermenge einer Quelle um ein Drittel noch kein Beweis für einen historischen Wassertiefstand ist. Und das ist schon wieder so ein Enten-Gambit. Das stimmt nämlich, aber es hat auch niemals jemand etwas anderes behauptet.
Wie soll man reagieren, wenn man diesem ärgerlichen, fiesen und diskussionszerstörerischen Schachzug in freier Wildbahn begegnet? Wenn man bei einer Live-Diskussion ein solches Enten-Gambit entgegengeschleudert bekommt?
Es ist schwer zu sagen. Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar. Mein Ansatz wäre: Nicht darauf antworten. Wenn jemand das Spiel zerstört, soll man es nicht weiterspielen. Besser ist es, tief durchzuatmen, sein Gegenüber mitleidig in die Augen zu sehen und zu sagen: „Jetzt denke mal ehrlich nach: Glaubst du das wirklich? Du weißt, dass niemand Sommertemperaturen mit dem Jahresdurchschnitt vergleicht. Warum behauptest du das dann? Ist dir das nicht peinlich?“
Ich weiß nicht, ob das hilft. Aber es ist besser als die Alternative. Ich werde mich nicht nach den Spielregeln meines Gegenübers richten und plötzlich beginnen, Tennisbälle zu essen oder meine Violine mit TNT zu füllen.





Das schwierige im vorliegenden Fall ist die Äußerung des Blödsinns auf Social Media. Da kann man das Argument zur Diskussion nicht anbringen. Die Botschaft ist raus und die Follower haben ja grade abonniert, weil sie genau solche Sprüche haben wollen. Da kann man leider nicht viel machen.
Leider hatte ich auch schon mal eine Diskussion mit einem Nius-Fan. Er hatte höhere Bildung genossen und verfügt über einen Uni-Abschluss. Leider ist er ideologisch sehr an den Libertarismus gebunden. Deswegen kam unser Diskussion zum Ende, als er mir nicht mehr glauben wollte, dass wärmere mehr Wasserdampf aufnehmen kann als kalte Luft.